Digitalisierung

Vorfahrt für Transparenz

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Apps auf Rezept und die elektronische Patientenakte stehen weit oben auf der digitalen Agenda des Gesundheitswesens. Stefan Schellberg erläutert, was sich für die Bürgerinnen und Bürger dadurch verbessern kann.

Stefan Schellberg, Chief Digital Officer der IKK classic, über Chancen und Herausforderungen.

Herr Schellberg, was verbirgt sich eigentlich hinter dem Kürzel DiGA?

Stefan Schellberg: DiGA heißt „Digitale Gesundheitsanwendungen“ und bezeichnet kurz gesagt Apps, die medizinische Behandlungen unterstützen und verbessern können und deren Kosten künftig von den Krankenkassen übernommen werden.

Solche Apps müssen natürlich bestimmte Voraussetzungen erfüllen: beispielsweise Datensicherheit, einen echten medizinischen Nutzen für die Patienten und positive Effekte auf die Versorgung.

All das prüft das Bundesamt für Arzneimittel und Medizintechnik (BfArM) in einem etwa dreimonatigen Verfahren auf Antrag der Hersteller. Einen analogen Zulassungsweg kennen wir aus dem Bereich der Medikamente oder der Heil- und Hilfsmittel. Ist das Ergebnis positiv, wird die DiGA in ein Verzeichnis aufgenommen. Dann kann diese App von Ärzten zulasten der Krankenkassen verordnet werden. Umgangssprachlich reden wir deshalb von der „App auf Rezept“. Bis Ende August 2020 wurden etwa 22 DiGA zur Zulassung vorgelegt.

Und solche Apps kann mir der Arzt dann künftig verschreiben, genauso wie Pillen, Physiotherapie oder eine Kur?

Schellberg: Exakt. Das ist aus meiner Sicht ein guter Schritt zur Digitalisierung im Gesundheitswesen. Wichtig ist, dass Eignung und Nutzen der Apps nachgewiesen sind und der regelmäßige Gebrauch sichergestellt ist.

Wenn wir als Krankenkasse Kosten für Gesundheits-Apps übernehmen, wollen wir natürlich nicht, dass diese das Schicksal vieler Medikamente teilen, die heute ungenutzt in Schubladen verstauben. Unser Ziel ist, dass diese Apps aktiv zum Nutzen der Patienten Einsatz finden. Hier haben Ärzte und Psychotherapeuten eine hohe Verantwortung. Leichtfertig darf man mit dieser Behandlungsergänzung nicht umgehen. 

Ich denke, dass die Verordner anfangs noch Unterstützung benötigen werden, welche DiGA für welchen Behandlungspfad anzuwenden sind. Auch die Patienten würden wir als Kasse in diesem Zusammenhang gern beraten, um der Gefahr bedenkenloser Downloads entgegenzuwirken und die digitale Kompetenz bei Gesundheitsanwendungen zu stärken.

Kommen dadurch auf die Krankenkassen hohe Kosten zu?

Schellberg: Wir rechnen derzeit mit einer jährlichen Belastung der GKV in Höhe von zwei Milliarden Euro. Ein gutes Zulassungsverfahren, der Nachweis des medizinischen Nutzens, die Notwendigkeit und die Nachhaltigkeit bei der Anwendung sind für die Wirtschaftlichkeit des Vorhabens elementar wichtig.

Wir wollen die bessere Versorgung unserer Versicherten fördern, keine Inflation von Apps anheizen, die dann auf dem Smartphone brach liegen.

 

Und wir wollen im Interesse der Beitragszahler angemessene Vergütungen für die DiGA zahlen. Gegenwärtig ist vorgesehen, dass nach Zertifizierung durch das BfArM der Hersteller den Preis für die ersten zwölf Monate festsetzt, und erst danach zwischen diesem und dem GKV-Spitzenverband eine endgültige Vergütung ausgehandelt wird. Wir kennen ein analoges Verfahren bei neuen Medikamenten, einschließlich der berüchtigten „Mondpreise“ in der Startphase. 

Wir hören, dass einige Anbieter, die derzeit bereits mit ihren Produkten in den einschlägigen App-Stores vertreten sind, die Preise erhöhen wollen, teilweise um das Zehnfache. Die Preisfindung wird uns also mit Sicherheit noch politisch beschäftigen.

Geld ist das eine – aber welche Chancen sind mit den DiGA denn überhaupt verbunden?

Schellberg: DiGA können die Behandlung ebenso wirksam unterstützen wie Medikamente oder Heil- und Hilfsmittel. Denken wir beispielsweise an digital angeleitete Bewegungsübungen, mit denen Rückenbeschwerden gelindert und behandelt  werden, Techniken zur Stressbewältigung, Monitoring-Tools für Bluthochdruck-Patienten oder Diabetiker oder Trainings gegen Schlafstörungen. Nicht zu vergessen die entsprechenden Erinnerungsfunktionen, die eine Anwendung verstetigen und die Compliance fördern.

Der medizinische Nutzen solcher begleitenden Instrumente ist häufig evident. Klassische Behandlungen lassen sich dadurch sinnvoll ergänzen und sogar abkürzen. Voraussetzung ist freilich, dass die jeweiligen Apps auch zur Behandlung passen.

Deshalb bestehen wir so energisch darauf, dass die Zulassung nachhaltig qualitätsorientiert sein muss und seriöse Hilfen von Spielereien trennt. Hier sind das BfArM und die Leistungserbringer in der Pflicht.

Im Jahr 2021 kommt die elektronische Patientenakte. Was bringt die den Versicherten?

Schellberg: Die elektronische Patientenakte (ePA) wird ein wesentliches Element dessen sein, was Fachleute als „digitales Ökosystem“ bezeichnen: eine umfassende und entwicklungsfähige digitale Struktur zur Verbesserung der Gesundheitsversorgung. Die ePA wird zum Jahresbeginn 2021 von den Krankenkassen allen Versicherten angeboten. Ob diese das Angebot annehmen, entscheiden die Bürgerinnen und Bürger selbst. Die Nutzung der ePA ist freiwillig; niemand muss sie verwenden.

Die Patientenakte wird in mehreren Schritten eingeführt. Zunächst ermöglicht die ePA allen Versicherten, die dies möchten, dass sie von ihren Ärzten medizinische Dokumente in digitaler Form erhalten und in eigener Regie zusammenführen können. Die Datenhoheit liegt dabei allein in der Hand der Versicherten.

Anfangs werden das insbesondere Befunde, Arztberichte, Röntgenbilder, Therapiemaßnahmen, Vorsorgeuntersuchungen, Medikationspläne, Notfalldatensätze und Arztbriefe sein. Ab 2022 kommen Impfausweise, Mutterpässe, Untersuchungshefte für Kinder, Zahnbonushefte und Übersichten über in Anspruch genommene Krankenkassenleistungen hinzu, später auch bildgebende Dokumente aus der Computer oder Magnet-Resonanz-Tomografie.

Was bringt das den Patienten?

Schellberg: Die ePA ermöglicht die Sammlung aller wichtigen medizinischen Informationen an einer Stelle; sie erleichtert zugleich deren Austausch und Verwaltung. Diese Dokumente können die Versicherten dann insbesondere neuen Behandlern zur Verfügung stellen.

Das hat viele Vorteile: So wird beispielsweise das Risiko von Doppeluntersuchungen oder Fehlmedikationen reduziert, aber auch das eigene Termin-Management erleichtert.

Ein Hinweis: In der ersten Version kann die ePA noch nicht alles, was sie später kann. Patienten, die bestimmte Befunde lieber nur bestimmten Behandlern zugänglich machen wollen, sollten diese im ersten Jahr einfach noch nicht in ihre ePA aufnehmen. Denn anfangs können Leistungserbringer, denen ich Zugang zu meiner ePA eröffne, alle dort gespeicherten Befunde sehen.

Wer hier Bedenken hat, lässt „kritische Befunde“ also zunächst einfach außerhalb der Akte. Ab 2022 wird das anders: Dann können die Nutzer der ePA den Zugang zu den dort hinterlegten Dokumenten selektiv steuern, also genau bestimmen, welcher Behandler auf welche Dokumente zugreifen darf. Wir sprechen dabei von einem „granularen“ Berechtigungsverfahren. 

Die Datensicherheit ist bei alldem natürlich ein zentraler Punkt. Die ePA wird unter der Regie der gematik in die Telematik-Infrastruktur integriert und muss dafür strenge Zulassungsverfahren bestehen. Daher gehen wir von höchster Datensicherheit aus.

Erfolg wird die ePA aus meiner Sicht haben, wenn möglichst viele Leistungserbringer technisch angebunden sind und, ebenso wie die Kassen, in der Nutzung an einem Strang ziehen. Dazu werden aktuell Diskussionen über die technische Ausstattung der Praxen und die Bereitschaft der Ärzte geführt.

Spätestens im Jahr 2022 wird die ePA in einem sicheren Verfahren übrigens auch in die digitalen Service-Angebote der Krankenkassen integriert. Damit wird die Nutzung erweitert. Es wird zusätzliche Mehrwerte geben, etwa die Genehmigung von Verordnungen unmittelbar nach dem Arztbesuch, weil analoge Postwege entfallen.

DIGITALE UNTERSTÜTZUNG

Diese digitalen Anwendungen stehen den Versicherten der IKK classic schon jetzt kostenlos zur Verfügung:

Wenn Sie in die Zukunft schauen: Welche Möglichkeiten könnte die ePA perspektivisch für die Versorgung eröffnen?

Schellberg: Zunächst einmal eine Beschleunigung der Verfahren und eine Reduzierung von Verwaltungsaufwand, insbesondere von Papier. Daneben erwarte ich, dass neue, für den Patienten passgenauere Versorgungspfade entstehen, wenn sich immer mehr Apotheken, Ärzte und Krankenhäuser an die ePA anbinden. Stichworte sind das eRezept und die eVerordnung.

Kurz gesagt: Versicherte oder Patienten profitieren. Von mehr Komfort, weil es schneller geht; von mehr Sicherheit, weil Fehlern vorgebeugt wird; und von mehr Transparenz; weil sie beispielsweise die Kommunikation zwischen ihren Behandlern und ihrer Krankenkasse besser verfolgen können.

Bevor all das passiert, ist noch Überzeugungsarbeit nötig, wie die aktuelle Diskussion zeigt. Ich bin aber zuversichtlich, dass dies mit dem Rückenwind aus der Politik auch gelingt.