Corona

Lernen aus der Krise

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Die Coronavirus-Pandemie stellt für das deutsche Gesundheitssystem eine beispiellose Herausforderung dar. Was bedeutet das für die Finanzen der gesetzlichen Krankenversicherung?

Frank Hippler im Interview:
Ein krisenfestes System

Frank Hippler, Vorstandsvorsitzender der IKK classic zu den Auswirkungen der Corona-Krise auf das Gesundheitssystem und den Chancen die sich nun anschließen.

Wie sieht die politische Corona-Bilanz für unser Gesundheitssystem aus? Was ist gut gelaufen, wo müssen wir künftig nachlegen?

Es ist gelungen, das System rasch krisenfest zu machen. Die Politik hat einen guten Job gemacht und, unterstützt durch die Wissenschaft, auch gut kommuniziert. Die gesetzliche Krankenversicherung hatte die Aufgabe, die medizinische Versorgung im Krisenmodus abzusichern. Es war richtig, aus dem Gesundheitsfonds sofort Schutzschirme für Krankenhäuser, niedergelassene Ärzte und andere Leistungserbringer zu entwickeln. Dadurch wurden während des Lockdown die Versorgungsstrukturen vor dem Kollaps bewahrt und Behandlungskapazitäten geschaffen. 

Unser System ist leistungsfähig. Es hat standgehalten, auch weil Bevölkerung, Politik, Wirtschaft und Gesundheitsakteure in den kritischen Wochen besonnen gehandelt haben. Deshalb sind wir bisher besser durch diese Krise gekommen als andere. 

Ganz klar: Versorgungskritische Güter wie Masken, medizinische Geräte und Schutzausrüstungen müssen wir künftig klüger bewirtschaften. Das lief anfangs nicht rund, da ist noch Luft nach oben, ebenso bei der Solidarität innerhalb Europas.

Stichwort Finanzen: Wie muss passieren, damit die immensen Gesundheitsausgaben nicht den Neustart der Wirtschaft blockieren?

Als Folge des Konjunktureinbruchs muss die GKV ab 2021 Mindereinnahmen in Milliardenhöhe verkraften. Zugleich sehen die Krankenkassen pandemiebedingten Mehrausgaben entgegen, die einen zweistelligen Milliardenbetrag erreichen werden. Dazu gehören immense jährliche Kosten für symptomunabhängige Corona-Massentests, die im Übrigen gar keine Kassenleistung sind. 

+2,0%

Die Rücklage des Gesundheitsfonds schwindet rasant, im kommenden Jahr ist sie Geschichte. Wenn die Politik dann nicht den Steueranteil am Gesundheitsfonds massiv anhebt, könnte der durchschnittliche Zusatzbeitragssatz der Krankenkassen nach heutiger Schätzung auf unglaubliche 2,0 Prozent anwachsen. Ein solcher Beitragssprung wäre eine toxische Hypothek gerade für personalintensive Branchen wie das Handwerk und das Aus für manche Kasse. 

Deshalb muss der Staatszuschuss zum Gesundheitsfonds erhöht werden. Die Zusage der Regierung, im Rahmen des Konjunkturpakets ein Anwachsen der Sozialversicherungsbeiträge über 40 Prozent in diesem und im kommenden Jahr durch Zuschüsse zu verhindern, ist das richtige Signal. Auch Akteure wie die PKV, die von unserer Versorgungsinfrastruktur profitieren, sollten zur Finanzierung einen angemessenen Anteil leisten.        

Stichwort Digitalisierung: Hat die Pandemie jetzt dem Sorgenkind der Gesundheitsbranche endlich nachhaltigen Rückenwind gebracht?

Praktische Erfahrung ist das beste Mittel gegen Vorurteile. Die Zeit der Kontakteinschränkungen hat uns allen gezeigt, wie sinnvoll die Möglichkeiten zum digitalen Austausch künftig sein können. Arztkontakte per Video sind nur ein Beispiel unter vielen. Aktuelle Befragungen zeigen, dass die Akzeptanz für digitale Lösungen bei Versicherten und Patienten überwältigend groß ist. Das betrifft Apps und Videosprechstunden ebenso wie die geplante elektronische Patientenakte. Viele abstrakte Bedenken sind durch das eigene praktische Erleben hinfällig geworden.

Diesen Schub gilt es jetzt für eine digitale Innovationsoffensive zu nutzen; in der ambulanten Medizin, in den Kliniken, im verbesserten Informationsaustausch zwischen Medizin, Patienten und Forschung. 

Aus Sicht einer Großkasse: Wird nach Corona die Arbeitswelt anders aussehen?
4.000
Beschäftigte der IKK könnten von zu Hause arbeiten

Mobiles Arbeiten wird auch nach Corona ein Thema bleiben, das die Wirtschaft bewegt. In der Krise haben wir innerhalb von zwei Wochen gut die Hälfte unserer bundesweit 8.000 Beschäftigten zum mobilen Arbeiten von zu Hause befähigt. Fast über Nacht hat sich der Arbeitsalltag für Tausende unserer Kolleginnen und Kollegen bei der IKK classic komplett verändert, ohne dass unsere Performance als Unternehmen gelitten hätte. 

Auch im Krisenmodus haben wir unsere Kunden gut betreut. Hinter diese Erfahrungen werden wir ebenso wie viele andere Organisationen nach Corona nicht zurückgehen können; ein „Homeoffice-Gesetz“ ist dafür sicher nicht erforderlich. Der stationäre Arbeitsmodus wird nicht verschwinden, aber er wird substanzielle Ergänzungen erfahren. 
 

Deutschland konnte in der Krise rasch viele Krankenhausbetten für die Intensivversorgung mobilisieren. Ist unsere Kliniklandschaft also doch besser als ihr Ruf? 

Unsere Krankenhausstruktur ist historisch gewachsen. Rund 2.000 große und kleine, wirtschaftliche und unwirtschaftliche, leistungsfähige und weniger leistungsfähige Kliniken stehen nebeneinander. Sie alle konkurrieren um Patienten und um Pflegekräfte. Das ist ein wesentlicher Grund für den Pflegemangel. In den stationären Sektor fließen konstant gut ein Drittel der Krankenkassen-Leistungsausgaben, also zweistellige Milliardensummen.

Andere Länder erreichen eine bessere medizinische Versorgung der Bevölkerung mit weit weniger Kliniken. Wir stehen in Deutschland vor der Aufgabe, unsere klinischen Ressourcen künftig so zu organisieren, dass wir die bestmögliche Versorgungsqualität für die Patienten sicherstellen. Davon sind wir heute weit entfernt. 

Notwendig sind ein guter Mix von Spezialkliniken und von Häusern, die den medizinischen Grundbedarf decken, sowie eine intelligente Verzahnung von stationärer und ambulanter Medizin. Dabei kann die Digitalisierung helfen, die im Konjunkturpaket jetzt auch zielgerichtet gefördert wird. Aber die Neuorganisation ist eine anspruchsvolle Aufgabe, bei der Politik, Kostenträger, Länder und Kommunen an einem Strang ziehen müssen.

Die demografische Entwicklung macht diese Aufgabe allerdings dringlich: immer mehr alte, multimorbide Patienten erfordern neue Versorgungsformen, klinisch wie ambulant. Die Intensivbetten während der Krise hat die GKV mit 50.000 Euro pro Bett finanziert, obwohl solche Investitionen eigentlich Länderaufgabe sind. Das hat die rasche Mobilisierung ermöglicht. Das war richtig, aber die Zahl der Betten ist allein noch kein Zeichen der Effizienz.

Krankenhausdichte in Deutschland und Dänemark

In Dänemark wurde mithilfe der nationalen Krankenhausstrategie die Zahl der öffentlichen Hospitäler auf ein Drittel reduziert. Doch diese sind bestens ausgestattet, hochmodern und effizient. Ambulante Versorgung und hoch spezialisierte Therapien bilden die Zielkomponenten der Reform.


Quellenverzeichnis:

Deutschlandkarte: Quellen: ZEIT-GRAFIK / GKV-SV, OECD