Digitalisierung

DIGITALISIERUNG IM SINNE DER KUNDEN GESTALTEN

Lesezeit: 10 Minuten

Die Digitalisierung des Gesundheitswesens dynamisiert sich
zunehmend. Frank Hippler erläutert, welche Projekte bereits
gestartet sind, wie die Versicherten davon profitieren und
welche Herausforderungen es in der Zukunft gibt.

Frank Hippler, Vorstandsvorsitzender der IKK classic, über wichtige Erfolge und Standards für die Zukunft.

Herr Hippler, die Digitalisierung des Gesundheitswesens ist ein zentrales Projekt in dieser Legislaturperiode; die Coronapandemie hat dem Thema nochmal einen ganz neuen Schub verliehen. Was sind Ihre Erfahrungen?

Frank Hippler: Die Pandemie hat gezeigt, was alles in kurzer Zeit möglich ist – beispielsweise beim mobilen Arbeiten. Zu Beginn der Pandemie im Frühjahr 2020 ist es uns zum Beispiel gelungen, binnen zwei
Wochen mehr als die Hälfte der Beschäftigten zum mobilen Arbeiten zu befähigen. Das hätten wir vorher nicht für möglich gehalten und haben in den vergangenen Monaten wertvolle Erfahrungen gesammelt, auf denen wir jetzt aufbauen können.

Auch die Einstellung und die Erwartung der Versicherten haben sich seit Beginn der Pandemie verändert: Die Nachfrage nach digitalen Kontaktwegen – etwa unserer neuen IKK classic-App – aber auch modernen Versorgungsangeboten, wie beispielsweise Video-Sprechstunden, ist deutlich gestiegen. Diesen Schwung sollten wir jetzt nutzen, um die Digitalisierung nachhaltig voranzutreiben. Gerade im internationalen Vergleich ist nämlich noch deutlich Luft nach oben. Hier müssen teilweise die grundlegenden Voraussetzungen geschaffen und zum Beispiel auch in den ländlichen Gebieten eine Breitbandversorgung sichergestellt werden.

Ein wichtiges Projekt bei der Digitalisierung des Gesundheitswesens ist die elektronische Patientenakte (ePA), die die Krankenkassen seit Anfang des Jahres ihren Versicherten anbieten. Wie ist hier der Stand?

Hippler: Perspektivisch wird die ePA ein zentrales Element dessen sein, was Fachleute als „digitales Ökosystem“ bezeichnen: eine umfassende und entwicklungsfähige digitale Struktur zur Verbesserung der Gesundheitsversorgung. Die Einführung erfolgt in mehreren Schritten und die Nutzung bleibt natürlich immer freiwillig. Zunächst können die Nutzer Befunde, Arztbriefe, Röntgenbilder, Therapiemaßnahmen und Notfalldatensätze in der ePA speichern. Ab 2022 kommen Impfausweise, Mutterpass, Untersuchungshefte für Kinder, Zahnbonushefte und Übersichten über in Anspruch genommene Kassenleistungen hinzu, später auch bildgebende Dokumente aus der Computer- oder Magnet-Resonanz-Tomografie. Dadurch wird die Kommunikation zwischen Arztpraxen und Patienten verbessert; diese erhalten Transparenz über ihre Unterlagen und haben diese jederzeit zur Hand.

Bei der ePA zeigt sich aber auch, dass sich solche Projekte nicht von heute auf morgen umsetzen lassen, sondern es bei allen Beteiligten einen langen Atem braucht – es ist also eher ein Marathon als ein Sprint.

Was genau sind die Herausforderungen?

Hippler: Wie bei so vielen Projekten im Gesundheitswesen sind auch an der ePA ganz verschiedene Akteure mit unterschiedlichen Interessen beteiligt, beispielsweise die gematik, die Krankenkassen, aber
auch die Ärzte und Psychotherapeuten, die die Akte in ihren Praxen befüllen werden und dafür die notwenigen technischen Voraussetzungen bzw. eine Anbindung an die Telematikinfrastruktur (TI) brauchen.

Deshalb ist die ePA Anfang des Jahres auch als Pilotprojekt mit ausgewählten Praxen gestartet, bis Mitte des Jahres sollten aber alle die notwendigen Voraussetzungen haben. Dann geht es darum, die Versicherten gemeinsam vom Nutzen der ePA zu überzeugen.

Wie sieht dieser aus?

Hippler: Die ePA ermöglicht die Sammlung aller wichtigen medizinischen Informationen an einer Stelle; sie erleichtert zugleich deren Austausch und Verwaltung. Diese Dokumente können die Versicherten dann neuen Behandlern unkompliziert zur Verfügung stellen. Das hat viele Vorteile:

SO WIRD BEISPIELSWEISE DAS RISIKO VON DOPPELUNTERSUCHUNGEN UND FEHLMEDIKATIONEN VERMIEDEN, ABER AUCH DAS EIGENE TERMINMANAGEMENT ERLEICHTERT.

 

Ein Hinweis: In der ersten Version kann die ePA noch nicht alles, was sie später kann. Patienten, die bestimmte Befunde lieber nur bestimmten Behandlern zugänglich machen wollen, sollten diese im ersten
Jahr einfach noch nicht in ihre ePA aufnehmen. Denn anfangs können Leistungserbringer, denen ich Zugang zu meiner ePA eröffne, alle dort gespeicherten Befunde sehen.

Ab 2022 wird das anders: Dann können die Nutzer der ePA den Zugang zu den dort hinterlegten Dokumenten selektiv steuern, also genau bestimmen, welcher Behandler auf welche Dokumente zugreifen darf. Wir sprechen dabei von einem „granularen“ Berechtigungsverfahren.

Ein zentraler Punkt für den Erfolg der ePA ist die Datensicherheit der dort hinterlegten Dokumente. Wie wird diese gewährleistet?

Hippler: Ganz zentral sind für uns zwei Punkte: ein bestmöglicher Datenschutz und die informationelle Selbstbestimmung der Versicherten. 

DIE DATENHOHEIT LIEGT IMMER BEI DEN VERSICHERTEN, DIESE KÖNNEN AUCH SELBST ENTSCHEIDEN, OB UND IN WELCHEM UMFANG SIE DIE EPA NUTZEN WOLLEN.

 

Hier bedarf es einer intensiven und fortlaufenden Diskussion, inwieweit datenschutzrechtliche Anforderungen einer adäquaten Versorgung entgegenstehen könnten. Deshalb wird die ePA auch bei allen Krankenkassen nach stringenten und verbindlichen Spezifikationen der gematik entwickelt, die bundesweit Datensicherheit und Interoperabilität – also das reibungslose Zusammenspiel unabhängig von den genutzten Systemen – garantieren.

Zum 1. Juli startete auch die Pilotphase des elektronische Rezepts (eRezept), das dann ab Januar 2022 verpflichtend wird. Was können die Kunden hier erwarten?

Hippler: Ab dem 1. Juli können sich alle Versicherten, die dies wünschen, die eRezept-App der gematik runterladen, die dann in einem Feldversuch umfangreich getestet wird. Spätestens zum 1. Januar 2022 sind dann alle Apotheken und Praxen mit Kassenzulassung angeschlossen. Ab dann können in der App das eRezept und der dazugehörige Rezeptcode abgerufen und direkt in den Apotheken eingelöst oder vorab digital an diese übermittelt werden. Perspektivisch wäre mit dem eRezept auch eine schnellere und einfachere Kommunikation zwischen Apotheken, Ärzten und Krankenkassen denkbar.  

Bereits im kommenden Jahr wird dann auch die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung
(eAU) hinzukommen; hier beteiligt sich die IKK classic ab Herbst 2021 bereits an einem Pilotprojekt.

Seit Oktober 2020 können Ärzte auch digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA) auf Rezept verordnen, ab Anfang des kommenden Jahres sollen auch die DiPA hinzukommen (digitale Pflegeanwendungen). Welchen Mehrwert bringen diese den Versicherten?

Hippler: Die Erfahrungen der Vergangenheit haben gezeigt, dass diese digitalen Anwendungen eine sinnvolle Ergänzung der ambulanten Versorgung in der Arztpraxis sein können – beispielsweise bei chronischen oder psychischen Krankheiten. Ganz entscheidend für den Erfolg wird aber sein, dass diese einen echten Mehrwert für die Nutzer bieten. Im Moment werden die DiGA in einem beschleunigten
Zulassungsverfahren vom Bundesamt für Arzneimittel und Medizintechnik (BfAM) geprüft. Hier sind die Hürden niedriger als in dem „normalen“ Verfahren, das wir etwa von der Zulassung von neuen Medikamenten kennen.  

Für den Anfang ist das sicher sinnvoll, auf Dauer muss jedoch gewährleistet sein, dass die digitalen Anwendungen die gleichen Qualitätsansprüche erfüllen wie andere Sachleistungen der GKV. Sie müssen also einen nachgewiesenen Nutzen haben und auch wirtschaftlich sein.

Sind die DiGA denn so teuer?

Hippler: Aktuell rechnen wir mit einer jährlichen Belastung der GKV von rund zwei Milliarden Euro. Da sollte man schon genau hinschauen. Im ersten Jahr können die Anbieter der DiGA die Preise noch selbst festlegen, das kann natürlich nicht so bleiben. Auf die Dauer muss es eine wissenschaftlich belastbare Nutzendefinition bei der Entscheidung zur Zulassung geben. 

Und auch die Ärzte und Psychotherapeuten haben hier eine große Verantwortung, leichtfertig darf man mit dieser Behandlungsergänzung nicht umgehen. Genauso wichtig sind aus unserer Sicht faire Verhandlungen über einen angemessenen Preis.

Mal abgesehen von den erwähnten Projekten – welche Chancen eröffnet die Digitalisierung des Gesundheitswesens noch?

Hippler: Aus unserer Sicht sehr viele. Onlinebanking, Reisebuchungen im Internet oder Onlineshopping gehören mittlerweile zum gesellschaftlichen Alltag. Daher ist es nur folgerichtig, dass auch das
Gesundheitswesen die Möglichkeit der Digitalisierung im Sinne der Kunden nutzt.

DADURCH WIRD DER SERVICE BESSER UND SCHNELLER, TELEMEDIZINISCHE ANGEBOTE KÖNNEN DIE AMBULANTE VERSORGUNG ERGÄNZEN.

 

Auch sogenannte Datenspenden, die pseudonymisiert stattfinden müssen, können helfen, die Behandlung zu verbessern, gerade bei seltenen Krankheiten. Oberste Gebote müssen aber auch hier immer die
Freiwilligkeit und die Gewährung des Datenschutzes sein. Auch Menschen, die nicht technikaffin sind, dürfen wir in dem Prozess nicht vergessen.

DIGITALISIERUNG DARF KEIN SELBSTZWECK SEIN

Stefan Füll, Verwaltungsratsvorsitzender der IKK classic

DIE DIGITALISIERUNG DES GESUNDHEITSWESENS IST EIN ZENTRALES ANLIEGEN DER IKK CLASSIC, WELCHES WIR AUCH IN DEN KOMMENDEN JAHREN KONSEQUENT VERFOLGEN WERDEN. DABEI DARF DIE DIGITALISIERUNG ABER KEIN SELBSTZWECK SEIN, SONDERN MUSS SICH IMMER AN DEN HOHEN DATENSCHUTZSTANDARDS IN DEUTSCHLAND ORIENTIEREN UND DEN KUNDEN EINEN ECHTEN, NACHGEWIESENEN MEHRWERT BIETEN. BEIDE ASPEKTE WERDEN WIR GENAU IM AUGE BEHALTEN